Donnerstag, 15. Juli 2010

Mein letzter Runbrief

Liebe Familie,
Liebe Freunde,
Liebe Unterstützer,

bei keinem meiner bisherigen Rundbriefe ist es mir so schwer gefallen einen Anfang zu finden. Dieser vierte Brief ist mein letzter. Ich blicke zurück und habe ein ganz besonderes Jahr hinter mir. Es ist schwierig diese Erfahrung, die eigentlich aus tausenden kleinen Momenten und Eindrücken besteht, in Worte zu fassen und diese Flut an neuen Erkenntnissen und vor allem den vielen herzlichen oder auch schwierigen Begegnungen, die ich erlebt habe, zu einem würdigen Fazit zu verfassen.
Das Gefühl, in einer Woche wieder aus unserer Wohnung in der Larrea 26 mit dieser ruhigen Wohnlage und den undichten Wänden auszuziehen, ist so unwirklich, dass ich nicht mal das Internet abbestellt habe. Die nächste Woche, die vor mir liegt, ist gefüllt von „letzten Malen“. Das letzte Mal zum Sport, das letzte Mal mit meinem Chef treffen, das letzte Mal in der Zeitungsredaktion arbeiten, das letzte Mal zum Spanischkurs, das letzte Abendessen mit all meinen Kollegen, das letzte Mal „reunión,“ (Mitarbeitertreffen) das letzte Mal feiern gehen und dann - das letzte Mal mit den Kids im Projekt sein, sie das letzte Mal in den Arm nehmen und nach Hause verabschieden. Ich freue mich auf alle diese Programmpunkte, nur der letzte wird mir wohl ziemlich schwer fallen.


Ich habe in dem letzten Jahr in der Welt der Unterschiede gelebt. Der Unterschied zwischen Europa und Lateinamerika. Der Unterschied zwischen stinkreich und bettelarm. Der Unterschied zwischen der Glitzerwelt der Nachtszene in Buenos Aires und den dreckigen abwässergetränkten Straßen in der Villa. Eine neue Erfahrung war es für mich auch, den Unterschied zwischen „Tourist sein“, der nur kurz das Land bereist und mit den Geschehnissen eigentlich nichts zu tun hat und „Ausländer/Einwanderer sein“, der mit all den Vorzügen und Nachteilen seines neuen Gastlandes zu kämpfen hat, an mir selbst zu erleben. In Argentinien habe ich mich immer sehr freundlich und herzlich aufgenommen gefühlt. Ich habe eine Gastfreundschaft erfahren, wie ich sie vorher nicht kannte. Die schmerzhaftere aber wohl wichtigere Erfahrung habe ich während der Weltmeisterschaft gemacht. Als ich das erste Mal, wegen meiner Herkunft beschimpft wurde und die Sinnlosigkeit und Stumpfsinnigkeit von Fremdenhass selbst erfahren habe. Die „La Nación“ die größte argentinische Tageszeitung hat kurz nach dem Sieg der Spanier über die Deutschen einen Artikel von einem Korrespondenten aus München darüber herausgebracht, wie ruhig und friedlich die Deutschen die Spanier haben feiern lassen und wie selbstverständlich die spanischen Fans sich mit Fahnen in eine deutsche U-Bahn setzen konnten, ohne dass es zu Krawallen kam. Der Titel war „In Argentinien ein unvorstellbares Szenario.“ Zwei meiner Mitfreiwilligen haben nach dem Spiel Deutschland-Argentinien am eigenen Leibe „gespürt bekommen“ wie recht dieser Artikel hatte.
An einem Nachmittag in unserer Nachhilfeklasse saß ich mit einem neuen Mädchen, das aus Paraguay zu uns gekommen war in der Sonne und redete über dies und das, als sie plötzlich fragte: „Du bist doch Ausländer oder?“ – „Ja ich bin Ausländer.“ „Wirst du deswegen oft diskriminiert?“ Als Europäer bin ich ein Jahr lang von den Argentiniern auf Händen getragen worden, dachte ich und sagte: „Nein, wieso fragst du?“ und sie antwortete: „Ich werde immer diskriminiert. In der Schule werde ich immer ausgeschlossen und alle lachen darüber wie ich rede. Auch wenn ich hier durch die Villa gehe. Die wollen hier einfach keine Paraguayos.“ Im Nachhinein ist mir selbst überhaupt nichts passiert während der WM, aber allein durch eine Situation der Ausgrenzung, die dazu auch noch nur auf Fußball begründet war, habe ich mich unwohl, unsicher und schlecht in meiner Haut gefühlt. Dadurch habe ich aber erst im Ansatz begriffen, wie sich eine Person, wie dieses kleine Mädchen fühlt, die täglich damit zu kämpfen hat und wie sich Ausländer in Deutschland und allen anderen Teilen der Welt fühlen, die nun nicht immer so leicht akzeptiert sind wie die feiernden Spanier.

Meine Zeit hier in Buenos Aires stand unter dem Titel „Freiwilliger Friedensdienst“. Zum Abschluss habe ich mir oft die Frage gestellt: Was habe ich und was haben wir Freiwilligen in diesem Jahr geschafft? Wie haben wir in dieser Zeit dem „Frieden“ „gedient“?
Ich habe für mich selbst keine zufriedenstellende Antwort gefunden. Sicher haben wir im ganz Kleinen den Frieden in unseren Projekten unterstützt. Wenn es darum ging, wer mit der Schlägerei angefangen hat oder wer denn jetzt mehr schuldig ist. Der, der den anderen verhauen hat oder der, der zwei Sekunden vorher die Mutter des anderen aufs Übelste beschimpft hat? Wenn man streng sein musste, um solche Situationen nicht aufkommen zu lassen. Aber auch wenn man manchmal milde war und sagen musste: „Okay! Dann singt ihr die deutsche Nationalhymne halt nicht, obwohl ihr die WM-Wette verloren habt und es eigentlich müsstet!;-)“ Oder wenn man die Kinder auf den Arm nimmt, ihre Füße dadurch zwei Minuten von dem schlammigen Boden trennt und das Glück dieser seltenen Freude in ihren Gesichtern sieht. Doch all dies ist für mich persönlich nicht mit dem aufzuwiegen, was ich in diesem Jahr selbst erfahren, erleben und lernen durfte. Ich habe unglaublich viel empfangen und konnte nur einen Bruchteil davon zurückgeben. Doch genau darin liegen die große Chance und der wertvollste Sinn an einem Friedensdienst im Ausland: Wir haben gesehen, wir haben geteilt, wir haben zugehört und wir haben erfahren. An vielen Baustellen konnten wir während unserem Jahr nur kurz und vorrübergehend helfen. Vielleicht wird in einiger Zeit auch klar, dass die Früchte, die wir gesät haben nicht aufgehen, dass einige unserer Schülerinnen trotz der Anstrengung von unseren Kollegen und uns in der Prostitution enden. Doch auch in diesem schrecklichen Fall wäre unsere Arbeit nicht vergebens. Wir haben getan, was wir in unserer Zeit hier konnten und zum Glück werden (jedenfalls in meinem Projekt) bald die nächsten Freiwilligen anreisen, die zusammen mit den vielen Menschen, die hier bereits anpacken, die Arbeit weiter führen. Für uns, die jetzt bald abreisen, kommt es darauf an, welchen Baustellen wir uns langfristig widmen. Haben wir verstanden, dass soziale Gerechtigkeit uns besser vor Raub und Totschlag schützt als vor jedes Fenster Eisengitter zu hängen und in der Dunkelheit nicht aus dem Haus zu gehen? Ist uns klar geworden, dass ein funktionierender Sozialstaat, in dem die Starken die Schwachen unterstützen, uns davor bewahrt das Einkommen eines Menschen daran zu erkennen, wie viele Zähne er im Mund hat und ob seine Kinder Schuhe tragen? Und wollen wir, dass unsere Kinder irgendwann ein Auslandsjahr machen und dieselben Geschichten erzählen müssen wie wir?

An dieser Stelle möchte ich ganz besonders meinen Unterstützern danken, die in meinem Spenderkreis mit dafür gesorgt haben, dass meine Entsendeorganisation, die Evangelische Kirche von Westfalen, den Freiwilligen Friedensdienst im Ausland finanziell schultern kann.
Durch diese Unterstützung habt ihr vielleicht direkt eine Person unterstützt und einen freundschaftlichen Gedanken zu mir Gestalt werden lassen, aber indirekt habt ihr mit euren großzügigen Spenden Projekten beigestanden, die noch viel größer und weitreichender sind. Ein Freiwilliger Friedensdienst wäre ohne diese Unterstützer nicht möglich und ich hoffe, ich konnte euch mit meinen Rundbriefen zeigen, wie wertvoll dieser Dienst für mich war und was er auch für andere Menschen bedeutet, die diese Hilfe dringend gebraucht haben und weiter brauchen.
Vielen vielen herzlichen Dank an:

Den gesamten Förderkreis Beyondwar e.V.

Die Gustav Alberts Gmbh & Co.KG aus Herscheid

Marion Rust

Doris Hagemeier

Rainer Hector

Joachim Stöver

Markus und Antje Rochel

Georg und Birgit Merklinger

Gernot und Uschi Hanke

Ite Gossmann

Donald und Shirley Chen




Freitag, 2. Juli 2010

Deutschland - Argentinien
Der Abend vor dem Sturm

Um euch die missliche Lage, in der ich stecke, kurz zu beschreiben möchte ich euch eine Nachricht zeigen, die ich gerade aus dem Diakonie-Büro bekommen habe, das für uns Frewillige zuständig ist (Achtung! Satire!):

Betreff: como sobrevivir el sábado...

Lamentamos que la embajada ni nos mando una respuesta, ni una invitacion, entonces tienen que ver el partido sin fuerte seguro y cuidarse de otra manera. Nosotros proponemos: ponerse una remera albiceleste,ensaya un acento dinamarces, grita a Schweinsteiger "estas nervioso?" y a todo el equipo "que la sigan mamando!", manda mensajes a amigos argentinos que queres quemar tu pasaporte. Suerte chicos!

sdkhgfowshglsdglsdglsdglsdjgbsldjgbsdjbfvsdjvbsdjvbsdjvfbsj

Was auf deutsch heißt:

wefblewfbwlefbwlefbwlefbwelfbwlefbweljfbwelfbwlejfb

slekdnflekgfnlwekfglwekfbwlebfwlefbwlefbwlefbewljf

Betreff: Wie den Samstag überleben...
Wir müssen euch leider mitteilen, dass die (deutsche) Botschaft uns weder eine Antwort, noch eine Einladung geschickt hat. Also müsst ihr die Partie ohne starken Schutz gucken und auf andere Weise auf euch aufpassen. Wir schlagen vor: Sich ein weiß-blaues T-Shirt anzuziehen, einen dänischen Akzent aufzulegen, Schweinsteiger zuzurufen "Estas nervioso?" ("Bist du nervös?) und dem ganzen deutschen Team "Que la sigan mamando" (Hier aus moralischen Bedenken nicht übersetzt) und schickt euren argentinischen Freunden SMSe, dass ihr euren Pass verbrennen wollt. (Im Falle eines deutschen Sieges)
Viel Glück Leute.

Die Anspannung vor dem großen Spiel - dem "Partidazo" - ist mit den Händen greifbar.
Ich werde das Spiel im Kreis meiner Kollegen und Bekannten in der Villa gucken. Ich freue mich sehr, ich denke wie ihr alle, auf diese Begegnung und hoffe, dass die Gerüchte um die argentinische Eitelkeit nicht allzu wahr sind. Das weiß-blaue T-Shirt liegt jedenfalls bereit.
Buenos Aires durfte heute schon lautstark feiern: Als Brasilien aus der WM ausgeschieden ist. Ein Erzfeind - ein "clasico" - ist damit "besiegt".

Vamos Argentina!

Montag, 28. Juni 2010

Was für ein Fussball-Sonntag

Das war mal ein Tag, an dem wir Freiwilligen gleich 8 Mal jubeln durften. Einmal, als das englische „Tor von Bloemfontein“ nicht gewertet wurde, 4 Mal, als unsere deutschen Tore glanzvoll die Engländer vom Spielfeld geballert haben und 3 Mal, als unser Zweitteam - die „selección argentina“ - die Mexikaner besiegt hat. So kommt am Samstag das Hammerspiel Deutschland – Argentinien auf uns zu. Seit dem 11. Juni schon sind die Argentinier noch viel verrückter nach Fussball als sie es eh schon sind. Im Moment ist Maradona der Staatschef, der schonmal angekündigt hat, im Falle des Weltmeistertitels nackt um den Obelisken zu rennen und damit eine Facebook-Gruppe mit einer Vielzahl von bereitwilligen Mitläufern aus allen Schichten gefunden hat.
Es gibt keinen Fernseher mehr, der nicht ein WM-Spiel zeigt oder einen Bericht darüber. Egal mit wem man redet, es gab für kurze Zeit nur noch zwei Themen: Die „selección argentina“ oder wie Deutschland gespielt hat. Seit diesem Sonntag sind diese Themen zu einem geworden und ich befürchte für die kommende Woche nichts Gutes. Die größte argentinische Tageszeitung „La Nación“ titelt angsterfüllt im Angesicht der Deutschen und mit bösen Erinnerungen an das letzte Viertelfinale 2006 aber auch mit großer Revanchelust. „Mit einer fürchterlichen Demonstrierung ihrer Macht kickten die Deutschen die Engländer vom Feld.“
„Doch zu diesem Viertelfinale gegen die Deutschen treten wir mit sehr viel mehr Offensivstärke an, als beim letzten Mal.“ („La Nación“ vom 28. Juni 2010)
Dieses Viertelfinale könnte für mich in Argentinien natürlich nicht spannender besetzt sein. Egal, wie das Spiel ausgeht, ich habe Grund zum Feiern. Je nach Ausgang des Spiels einmal ganz still und heimlich und einmal ausgelassener. Ich befürchte jedoch, dass meine Rolle als Verlierer weitaus stärker ausgeprägt sein wird. Wie ich die Argentinier kenne, darf ich mir bei einer Niederlage der Deutschen die restlichen drei Wochen ihre schelmischen Bemerkungen und Neckereien anhören, die bei jedem Fehler, den die die Deutschen machen, schon schlimm genug sind. Mehr Sorgen mache ich mir allerdings, dass Deutschland meine Asado-Freunde schon wieder aus der Weltmeisterschaft raushaut, was mir das Leben hier zum Abschluss nochmal echt schwer machen könnte.
Mit meinen Kindern aus dem Projekt steht schon der Wetteinsatz: Wenn Argentinien gewinnt, gibt es einen neuen Fußball fürs Projekt und wenn Deutschland gewinnt, müssen sie die deutsche Nationalhymne lernen und singen. Was den Kids mit ihrem schon großen patriotischen Herz sicher mehr schmerzen würde, als mir einen Fußball zu kaufen.

Samstag, 27. März 2010

Die Cartoneros der Villa Itatí

Ich habe sie in meinen Rundbriefen schon häufiger erwähnt. In den ersten Wochen hier in Argentinien hat mich ihr Anblick erschreckt und zugleich fasziniert. Heute gehören sie für mich zum Stadtbild dazu und sind fast normal geworden: Die Cartoneros.
Cartoneros sind Menschen, die meist auf Pferdewagen durch die Stadt fahren und aus dem Müll, der vor den Häusern steht, alles raus sammeln, was verkäuflich oder brauchbar ist. Generell sind das Unmengen an Papier, Pappe und eben Karton, die pro Kilo an Recyclingfirmen verkauft werden können.
Es gibt eine öffentliche Müllabfuhr, doch wenn wir unseren Müll an die Laterne vor der Tür hängen, damit die Hunde sie auf dem Boden nicht zerfetzen und alles auf der Straße verteilen, können wir davon ausgehen, dass einer der vielen Cartoneros ihn vorher abholt.
Beinahe in jeder Straße sieht man einen der aus Brettern und zwei Autoreifen zusammengezimmerten Wagen, beladen mit Bergen aus Papier aber auch Altmetallen und Pfandflaschen. Die Menschen, die diese Arbeit als letzte Möglichkeit vor der Arbeitslosigkeit verrichten, sind zu 100% Bewohner der Villas. In reicheren Vierteln sind sie auch daher nicht gerne gesehen.
Oft sieht man Wagen, die von Kindern gefahren und beladen werden, die halb so alt sind wie wir selbst. Kinder, die für ihren Lebensunterhalt und den ihrer Familie auch nachts schuften müssen und morgens völlig übermüdet in unserem Apoyo sitzen.
Nach der großen Wirtschaftskrise, die Argentinien 2001 an den Rand des Bankrotts brachte, zogen tausende Menschen, die ihre Arbeit verloren hatten in die Armenviertel von Buenos Aires. Auch in die Villa Itatí. Eine Gruppe von Familien, die nun zwangsweise alle Cartoneros waren, schlossen sich zu einer Art Genossenschaft zusammen, um gemeinsam größere Mengen an gesammelten Abfällen absetzen und damit höhere Preise erzielen zu können.
Es entstand die „Asociación de los Cartoneros de la Villa Itatí“.
Aus dieser Asociación sind nach und nach alle sozialen Projekte entstanden, in denen ich heute arbeite. Angefangen mit dem Apoyo Escolar, den eine Frau eines Cartoneros für die Kinder der Asocición in ihrem Wohnzimmer begann.
Wenn ich in den vergangenen Monaten in den Apoyo gegangen bin, konnte ich die Arbeit beobachten, die die Cartoneros auf dem Innenhof der Asociación verrichten. In meinen Sommerferien habe ich zwei Wochen mit ihnen gearbeitet, um mehr über ihre Arbeit und die Aociación zu erfahren.


Der Hof der Asociación liegt direkt neben dem Gebäude meines Apoyos. Als deutscher Freiwilliger im Barrio ( Viertel ) war ich vielen der Cartoneros schon bekannt.
Das Gelände der Asociación besteht aus einem großen Innenhof, einer kleinen Halle, in der eine Papierpresse steht und einem Anbau mit einer Küche und einem Aufenthaltsraum.
Die Arbeit beginnt täglich um 8 Uhr und in zwei Schichten wird dann bis 24 Uhr in der Nacht gearbeitet. Ich hatte mich für die frühe Schicht eingetragen und mir so vorgenommen zwei Wochen von 8 bis 17 Uhr als Cartonero zu arbeiten. An meinem ersten Arbeitstag erschien ich deutsch-überpünktlich um kurz vor 8 Uhr. Als die anderen dann um halb 9 kamen und ich um viertel vor 9 beim Matétrinken fragte „Wann fangen wir eigentlich an?“, bekam ich die Antwort: „Wir fangen an, wenn wir anfangen.“
Diese Lässigkeit wird durch die Schwere der Arbeit aber mehr als ausgeglichen.
Die Aufgabe der Männer, die in der Asociación arbeiten ist nicht, raus auf die Straße zu fahren und Müll zu sammeln. Die Familien, die mit ihren Pferdegespannen oder auch zu Fuß in den Straßen unterwegs sind, bringen ihre Ladung zur Asociación und können sie dort verkaufen.

Die Cartoneros an der Waage.


Das Herzstück der Asociación ist eine große schwere Lastenwaage, über die alles geht, was von den „Straßen-Cartoneros“ gekauft wird. Der Ablauf ist immer der selbe:
Ein Cartonero lenkt sein völlig erschöpftes Pferd auf den Hof der Asociación und lädt ab, was er in den Straßen gefunden hat. Blech, Eisen, Säcke voller Papier, Zeitungen und Pappe, Pfandflaschen und Altglas. Die Cartoneros, die in der Asociación arbeiten – und das war dann auch meine Aufgabe – sortieren das alles, wiegen es ab und notieren die Kilozahlen auf einem Zettel, damit sich der Cartonero, der die Ladung gebracht hat, im Büro sein Geld abholen kann. Manche bringen mehr, andere weniger. Manchmal kommen Kinder, die in einem Straßengraben ein paar Blechdosen gefunden haben oder einen alten Kinderwagen. Für die anderthalb Kilo Blech gibt es 40 centavos ( 8 cent ). Die Männer und Familien, die mit den Pferdegespannen unterwegs sind bringen an guten Tagen manchmal 80 Kilo Karton und 200 Kilo Metall. Das bringt dann 200 Pesos, etwa 40 Euro. Das ist viel Geld, aber wenn man die Mühe bedenkt, die man aufbringen muss, um das alles zu sammeln, ist es Nichts.
Die Metalle werden nach Sorte aufgestapelt, die PET-Flaschen nach Farbe sortiert und Pappe zu großen Würfeln gepresst, bevor alles verladen und weggebracht wird. Die PET-Flaschen haben wir mit dem LKW (übrigens ist der LKW, ein Mercedes Jahrgang 1948, hier kein Oldtimer sondern ein ganz normales Gebrauchsfahrzeug) zu einer Firma gefahren, die damit in China unter anderem Kleidung für den europäischen Markt fabriziert.
Die Arbeit ist hart und die Hitze macht es auch nicht besser. Wir machen immer wieder Pausen, trinken CocaCola, das Lieblingsgetränk der Cartoneros. Den Cartoneros mit denen ich gearbeitet habe ist absolut nichts heilig und über alles und jeden wird hergezogen. Es gibt keine Minute, in der nicht gescherzt und gelacht wird. Als ich dann, um mich einzubringen, ebenfalls einen harten Witz über einen der Cartoneros machte, wurden schlagartig alle ernst. Ich musste entsetzt feststellen, dass ich mit dem Vater, den zwei Brüdern und gefühlten 15 Cousins des Cartoneros zusammenstand, über den ich mich gerade lustig gemacht hatte. Nach zwei endlosen Sekunden lachten alle gleichzeitig los, klopften mir auf die Schulter und einer sagte: „Genau so! Ist nicht schlimm. Hier kriegt jeder sein Fett weg!“ Ich war wohl aus dem Schneider, aber trotzdem war es mir absolut peinlich und ich beschloss diesem Trend nicht weiter nachzugehen.
Eine der schlimmen Folgen dieser „Müllwirtschaft“, die in der Villa betrieben wird, ist, dass tonnenweise Abfälle und Müll in das Viertel geschleppt werden. Wenn sie zum Verkauf nicht taugen, bleiben sie in den Straßen liegen und die Bewohner wissen nicht wohin damit. Einfachste Lösung ist die Müllhaufen anzuzünden. In einer Mittagspause hatte mich ein Kollege in sein Haus eingeladen. Vor seinem Haus brannte eines dieser großen Müllfeuer und man sah den schwarzen Plastikrauch über die Hütten und durch die Gassen wegziehen. Ich machte eine Bemerkung darüber, wie giftig dieser Rauch und die Gase seien. Seine Antwort haute mich fast vom Stuhl und zeigte mir, wie wichtig Bildung ist. Er sagte: „Echt das ist giftig, das wusste ich gar nicht. Aber egal, wenn wir hier nichts verbrennen, dann gibt es ja auch keine Wolken und dann gibt es auch kein Regen und Regen brauchen wir.“
Den Rest der Pause verbachte ich damit, ihm den Unterschied zwischen Qualm und Rauch, giftigen Gasen und Wolken zu erklären.

Die Männer verdienen mit ihrer Arbeit in der Asociación 40 Pesos am Tag. Also 8 Euro. Das Gute an einer solchen Stelle ist, dass die Asociación einen sozialen Charakter hat. Alles Geld, das erwirtschaftet wurde, wird zu gleichen Teilen unter den Angestellten aufgeteilt. Es gibt keine Besserverdienenden. Das Beste ist aber, dass die Männer, wenn sie krank sind und nicht arbeiten können, weiter bezahlt werden bis sie zurück sind.
Ich hatte nach jedem Arbeitstag das Gefühl, etwas geschafft zu haben. Man lernt das was man hat unglaublich mehr zu schätzen. Jeden Tag nach der Arbeit, wenn ich unter der Dusche stand und darüber nachdachte, dass ich noch nie so eine dreckige Arbeit gemacht habe, habe ich auch darüber nachgedacht, dass ich der einzige von den Arbeitern bin, der unter einer Dusche und dazu noch einer warmen steht.
Ich habe in der Asociación angefangen, um mehr über die Arbeit der Cartoneros zu erfahren. Zu großen Teilen aber auch, um die Villa an sich und die Menschen, die in ihr Leben besser kennen zu lernen und zu zeigen, dass wir deutschen Freiwilligen auch da mit anpacken können, wo es dreckige Arbeit gibt. Mit jedem Menschen, den ich in dieser Zeit kennen gelernt habe und mit jedem, der mich wegen dieser Zeit jetzt wiedererkennt, fühle ich mich in der Villa sicherer.
Ich habe in den Cartoneros eine Gruppe von Männern kennen gelernt, auf die man sich verlassen kann und die gemeinsam an einem Strang ziehen. Ganz im Gegenteil zu dem Bild, das durch die Fernsehkanäle in Argentinien von den Bewohnern der Villa gezeichnet wird.
Dieser Eindruck wurde in der letzten Woche auf eine harte Probe gestellt. Auf dem Weg zum Projekt schaute ich in der Asociación vorbei um nach den Cartoneros zu sehen. Einer der älteren Cartoneros saß draußen vor der Halle auf einem Sack Karton und fragte mich: „Hey, kannst du dich noch an M. erinnern? Den Typ mit den kurzen Haaren?“
Konnte ich. „Ja, ich war gestern bei ihm und hab in seinem Haus einen Maté getrunken. Netter Kerl.“
„Nun, der hat gestern Nacht zwei Menschen erschossen und einen verletzt.“


Zwei Stunden nach meinem Besuch bei M. einem Cartonero, mit dem ich auch gearbeitet hatte, war wohl eine Gruppe neuer „Siedler“, mit der er länger Stress hatte, bei ihm zuhause gewesen und hatte ihn mit einer Waffe bedroht. Am Abend ist er dann mit einem Freund zu diesen Männern gegangen und hat sich gerächt.
Am nächsten Tag war M. mit seiner ganzen Familie verschwunden, seine Hütte abgerissen.
Als ich diese Geschichte dann erzählte hörte ich als erste Reaktion: „Tja, da siehst du mal, wie man sich in Menschen täuschen kann.“
Nein, ich habe mich nicht in M. getäuscht und in keinem der anderen Männer. Ich habe für kurze Zeit verdrängt, wo ich bin und was menschenunwürdige Lebensumstände, Armut und Perspektivlosigkeit in Menschen auslösen können.


Ein Haufen Flaschen, die aufgestapelt werden wollen.

Eine meiner liebsten Besucher. Die Mädels aus meinem Apoyo finden immer etwas, dass sie verkaufen möchten.


Das Büro der Asociación, in dem die Cartoneros ausbezahlt werden.



Samstag, 20. Februar 2010

Freitag, 15. Januar 2010

Jonas mit E. Ein kleiner Poser.

Ein Tag mit weniger Kids. Da kriegen wir auch mal ein Gruppenfoto hin.


Dienstag, 5. Januar 2010

Ein Grund zur Freude – Die Kids im Schwimmbad

Seit kurz vor Weihnachten die Schulferien angefangen haben gibt es für die Kids bis März kein Nachhilfeunterricht mehr. Seit dem gehen wir mit unseren Apoyo-Gruppen zwei Mal die Woche schwimmen. Eines der Projekte in unserer Villa hat vor ein paar Jahren von eine Gruppe deutscher Freiwilliger einen recht großen Pool gebaut bekommen, den die Jugendgruppen der Villa im Sommer nutzen können.
Leider können wir mit unserer Gruppe nur eine Stunde ins Wasser, weil zum Beispiel die Gruppen der Jugendzentren und der anderen Angebote auch das Angebot nutzen wollen, aber es ist für die Kids und auch für uns eine angenehme Abkühlung.
Ich habe mich noch nie so auf irgendeine Art Arbeit gefreut, wie auf die Tage, an denen wir mit den Kids schwimmen gehen. Es ist unbeschreiblich, wie sehr sie sich über das kühle Nass freuen.
Dass wir Freiwilligen die einzigen sind, die mit den Kids ins Wasser gehen, bringt uns auch eine gute Gelegenheit die Kinder näher kennen zu lernen und eine Vertrauensbasis aufzubauen.
Die meisten Kinder können nicht schwimmen und brauchen daher jemanden, der sie wieder aus dem Wasser zieht, wenn sie mal aus Versehen ins tiefe Becken gesprungen sind. Hört sich dramatisch an, aber das ist es nicht. Die Kinder sind so glücklich im Wasser, dass ich bis jetzt nicht ein Mal in einer Streiterei eingreifen musste.
An den Tagen danach habe ich immer Muskelkater, weil es anstrengend ist, bei den vielen Kindern, die einen als Rettungsinsel benutzen, nicht selbst unterzugehen. Doch die Kinder so fröhlich zu sehen macht unglaublich Spaß.







Mein Mitfreiwilliger Jonas bei der "Arbeit"

Sonntag, 3. Januar 2010

Heiligabend in der Villa Itati

Mir war klar, dass in meinem Auslandsjahr in Buenos Aires einiges anders laufen würde, als ich das aus Deutschland kenne. Was genau, das wusste ich nicht. Ich habe mich in den letzten fünf Monaten mehr und mehr in diese Unterschiede eingelebt. Die Einschätzung der Fahrtauglichkeit eines Autos ist relativ zum Geldbeutel des Halters, die Zeit zwischen November und März nennt sich auf einmal Sommer und je näher das Jahresende rückt wird es immer heißer.
Der wohl eindrücklichste Abend, der mir auch zugleich am deutlichsten die verschiedenen Lebensweisen der Deutschen und der Argentinier gezeigt hat, war der 24. Dezember, Heiligabend.
Eine Weihnachtsstimmung kam im Vorfeld nicht auf, da Kälte, Schnee, die passende melancholische Musik im Radio, Adventskalender und das Zugeschmissenwerden mit Weihnachtsangeboten und die passende Werbung im Fernsehen fehlten.
Ich hatte mir vorgenommen, den Heiligabend, den ich dieses Jahr zum ersten Mal nicht nur außerhalb meiner Familie sondern auch außerhalb des Landes verbringen würde, so argentinisch wie möglich zu begehen. Wenn schon, dann richtig!
Daher habe ich mich sehr über das Angebot meiner Kollegen gefreut, Weihnachten mit ihnen in unserem Projekt in der Villa zu feiern. Die Betonung liegt hier auf Feiern.
Weihnachten ist in Argentinien kein Fest der Besinnlichkeit und des kuscheligen Zusammenseins.
An diesem Abend herrschte die „alegria“, die Freude.
Ich bin mit meinem Mitfreiwilligen Mateo zum Mittagessen und zum Vorbereiten des Abendessens früh in die Villa gefahren. Dort haben wir mit zwei unserer Kollegen in dem Jugendzentrum, in dem wir abends arbeiten, zu Mittag gegessen und in der Schwüle der Mittagshitze über die Probleme diskutiert, die den Menschen in der Villa dieses Leben bereiten, das sie leben / erleiden.
Es war für mich ein sehr interessantes Gespräch, da ich mir genau solche Momente von meinem Auslandsjahr auch erhofft hatte.
Wir sind dann nochmal kurz nach Hause gefahren, um uns dem Anlass entsprechend anzuziehen.
(Badeshorts aus.)
Um kurz vor 20.00 Uhr sind wir in den letzten Bus des Abends gestiegen, um in der kleinen Kirche, die in der Villa steht, mit unseren Kollegen in die Messe zu gehen. Gottesdienst mal anders, mit Sambarasseln und lateinamerikanischen Weihnachtsliedern. Ich war erstaunt, wie selbstverständlich eine der Nonnen in ihrer Fürbitte die Not der Menschen, die diesen Gottesdienst feierten, ansprach und formulierte:
„Wir danken dir, dass du heute Abend und auch sonst immer bei uns bist und uns begleitest. Dass du aus unserem Leben ein erträgliches machst, auch wenn unsere Kinder von den Drogen zermartert auf den Straßen leben und wir nicht wissen, wie wir sie versorgen sollen.“
Mich beeindruckte, wie schmerzend sie diese Fürbitte formulierte, aber doch einfach nur die Realität aussprach.
Nach der Messe wollten wir schnell in unser „Centro de Chicos“ zurück, weil Tincho (ein Spitzname eines unserer Kollegen) dort den Grill angeschmissen hatte und das Fleisch schon auf uns wartete.
Wir schafften es aber keine 50 Meter weit durch die Straßen zu gehen ohne von den Menschen in ihre Häuser gebeten zu werden und ein Glas Sidra gereicht zu bekommen. Die Nachbarn des centros nahmen die Gelegenheit, dass wir mal „privat“ in der Villa waren, um uns auszufragen, wer wir denn seien und wie es uns bei ihnen gefiele.
Ein ganz besonders schöner Moment war für mich, meine Kids aus dem Apoyo mal einfach so in der Straße zu treffen und mit ihnen rumzuscherzen ohne den Lehrer spielen zu müssen.
Bei dem späteren köstlichen Weihnachtsmahl vom Grill wurde mir aber auch schmerzhaft bewusst, dass ich zwar mit Kollegen aber auch mit zwei Jungs am Tisch aß, die wohl nur hier waren, weil sie zuhause kein Weihnachtsessen bekamen. Ich feiere Weihnachten ohne meine Familie, weil sie weit weg ist. Diese zwei feierten Weihnachten mit uns, ohne ihre Familie, obwohl sie zwei Häuser weiter lebten.
Der größte Unterschied zu Weihnachten in Deutschland ist, dass um zwölf die Welt explodiert. Die Menschen in Argentinien feiern die Heilige Nacht wie Silvester mit unbeschreiblich viel lautem und buntem Feuerwerk. Ich habe mich über die Kuriosität gewundert, dass trotz der Armut unbeschreiblich viel in die Luft geschossen wurde. Übrigens nicht immer nur mit Feuerwerk. Die häuslichen Waffen werden auch mal gerne für Weihnachten rausgeholt. Der Himmel über der Villa sah wunderbar aus und nicht nur bei unserem Kollegen Tincho, der förmlich vor Freude ausrastete, kam ein Gefühl des Aufbruchs und der Verbesserung für das kommende Jahr auf.
Nach zwölf Uhr heißt es dann Nachbarn grüßen. Alle Menschen sind aus ihren Häusern gekommen, um die Menschen, die einem am Herzen liegen - oder die man einfach vom Sehen kennt – zu begrüßen und ihnen Frohe Weihnachten zu wünschen. So sind wir dann von zwölf bis zwei durch die Gassen der Villa gelaufen, sind in die Häuser von Kollegen auf ein Glas Sidra oder „pan dulce“ eingekehrt (eine Art Christstollen) und haben „felicitaciones“ (Glückwünsche) verteilt. Ich habe noch nie so vielen Menschen in so kurzer Zeit Frohe Weihnachten gewünscht.
Wie gesagt: Es herrschte die Freude.


Freitag, 20. November 2009





ASADO - Grillen auf argentinisch
Eine Sache, um die man in Argentinien nicht herum kommt, ist das Grillen - Das "Asado" machen.

Wenn man in Deutschland stolz ein Steak auf den Grill legt, das nicht mal einen Kilo schwer ist und nach 10 Minuten Holzkohle-Grillen schon fertig ist, erscheint das im Vergleich zum argentinischen Asado wie ein kleiner Nachtisch.
Hier wird jede Woche mindestens einmal gegrillt. Wenn man jemanden zu sich nach hause einlädt, ist klar was gemacht wird. Asado ist mehr als einfaches Warmmachen von Fleisch. Es ist immer ein kleines Fest mit guten Freunden und Bekannten.
Nach fast 4 Monaten in Argentinien hat jeder von uns Freiwilligen bestimmt 4 Kühe gegessen. Der "Asador" der "Griller", ist immer der Held des Abends. Vor zwei Wochen waren wir Jungs aus Quilmes in Baradero zu Besuch. Dort wohnt einer unserer Mitfreiwilligen in einem sehr ländlichen Projekt. Wiesen und Felder soweit das Auge reicht. Für uns "Städter" aus Buenos Aires fast schon ein ungewohntes Bild.

In Baradero haben wir dann unsere hart antrainierten Asadomanieren ausgepackt und auf einem Eukalyptusholzfeuer (Die Bäume stehen da ja so rum) unser Fleisch gebraten. Dieses Mal brauchten wir nicht mal Salz. Nichts! Das Eukalyptusholz hatte dem Fleisch nach fast 3 Stunden Grillen einen unglaublichen Geschmack verliehen.

Mir hing das Asadofleisch fast schon zu den Ohren raus, aber nach diesem Wochenende habe ich wieder Hunger bekommen.

Dienstag, 10. November 2009

Das Projekt



Die Meinerzhagener Zeitung wird in den nächsten Tagen meinen ersten Rundbrief abdrucken. (siehe unten)
Dafür brauchte ich Fotos von meinem Projekt und habe mich deshalb einmal überwunden, die Kamera mit in die Villa zu nehmen. So kann ich euch jetzt auch mehr Fotos von meinem Arbeitsleben zeigen und vor allem, wie süß meine "Pibes" (herzlich für "Kinder") sind.




Der Blick aus der Tür meines Projektes. Links ein Cartonero-Pferd, das sich tagsüber von der nächtlichen Arbeit ausruht.
Das ist der Nachhilfeort, in dem ich jeden Morgen arbeite.

Nach dem Lernen gibt es Brot und Tee in der Pause.
Meine Kids
Mit der kleinen Y. bei den verhassten Matheaufgaben.

"Centro Educativo Popular Eduardo Mignona" heißt unser Nachhilfeort.
Betty und Sandra meine Mit-Profesoras beim Teekochen.
Nochmal die Kids.
Die "Organisatoren" der sozialen Projekte der Villa sind die Nonnen und Mönche der Franziskaner und Salezianer. Ruby, Cecilia und Coco. (vorne von l. nach r.)
Die Villa von einer Brücke fotografiert.

Mittwoch, 4. November 2009

Jojo im Botschaftsgarten


Mein Tag - 16 Stunden im Leben eines Freiwilligen


Gestern war ein sehr aufregender Tag. Ich bin wie immer um 8 Uhr aufgestanden und habe mich auf den Weg zum Apoyo gemacht. Dort habe ich den Morgen mit den Kids verbracht und die meiste Zeit rumgetobt. Die Kinder werden immer offener und freier im Umgang mit mir. Ich werde immer gelassener im Umgang mit ihnen.
Direkt nach dem Apoyo bin ich um 12 Uhr nach Capital – also in die Innenstadt – gefahren, weil ich seit dieser Woche in der Redaktion der „Vida Abundante“ arbeite. (Gemeindezeitung für die evangelischen Gemeinden in Uruguay, Paraguay und Argentinien.)
Einmal pro Woche fahre ich jetzt in die Redaktion und helfe bei der Erarbeitung der deutschsprachigen Beilage. Ich glaube ich werde durch diese Arbeit sehr gut zwei verschiedene Seiten der argentinischen Gesellschaft kennen lernen. Die meiner Villa-Arbeit und die Menschen, die im Zentrum arbeiten und leben.
(Die große Freude: an meinem Arbeitsplatz habe ich einen Pc, Telefon, Scanner, Drucker etc.)
Nach meiner Einführung in der Redaktion kam das Highlight des Tages. Wir wurden in die deutsche Botschaft eingeladen. Auf ein schönes kaltes deutsches Bier und Brezeln mit den Toten Hosen. Campino und seine Jungs geben in diesen Wochen eine große Lateinamerika-Tour und die Botschaft hat „als Anerkennung für das, was die deutschen Freiwilligen hier im Land tun“ ein Treffen mit der Band organisiert.
Das ist zwar nicht ganz meine Musikrichtung aber es war trotzdem interessant um andere Freiwillige von ganz unterschiedlichen Organisationen zu treffen. Vor allem aber um neben dem Bier und den Brezeln ein Stück deutsche Kultur wiederzuerleben, als wir versuchten am Pförtner vorbeizukommen:
Buenos Aires, Deutsche Botschaft 15:45 Uhr:
„Hallo. Wollen sie meinen Pass sehen, oder kann ich so rein?“
„Worum geht es denn?“
„Naja, das Treffen mit den Toten Hosen.“
„Das ist um 16:oo Uhr“
„Und vorher kommen wir nicht rein?“
„16:00 Uhr. So steht das auf meiner Liste.“


Nach dem Treffen in der Botschaft ging es dann wieder zurück in die Villa. Im Jugendzentrum hab ich den Abend wieder mit den Jungendlichen und den Köchinnen verbracht. Meine liebste von den Damen ist R. Sie ist ca. 50 Jahre alt und 1.40 groß. Sie ist immer lebensfroh und ich habe sie noch nie ohne ein Grinsen auf dem Gesicht gesehen.
Letzte Woche habe ich mich mit ihr über private Dinge unterhalten und obwohl wir uns erst seit kurzem kennen, wurde sie sehr persönlich. Als sie mir erzählte, dass sie sich vor einem Jahr von ihrem Mann getrennt hat, fing sie herzlich an zu weinen. Ich hab die kleine Dame in den Arm genommen und nach 10 Minuten war sie wieder frivol wie immer.


Um 23:00 Uhr bin ich dann nach Hause gefahren, habe mit den Jungs über den Tag geredet und lag um Mitternacht im Bett. Das war sicher kein typischer Tag, aber er gibt einen Rundumeindruck von dem, was ich hier mache.


Ich habe an dich gedacht kleine Schwester
2 Peso-Schein mit "Para Maria, Campino"

Die Quilmes-Jungs mit Campino


Gruppenfoto



Der deutsche Botschafter Herr Günther Knies und Ich


Deutsche Kost






Montag, 2. November 2009

Mein erster Rundbrief

Dies ist mein erster Rundbrief, den ich nach den ersten drei Monaten verfasst habe. Ich berichte in dieser Zusammenfassung der ersten drei Monate, die hauptsächlich für meine Unterstützer und für meine Organisation gedacht ist über mein Projekt und die Situation in meiner Arbeit. Die nächsten Rundbriefe werden mit speziellen Themen mit Bezug auf Argentinien gefüllt sein.


Liebe Familie, Quilmes – Buenos Aires, November 09
Liebe Freunde,
Liebe Unterstützer,

alles ist anders gekommen, als ich mir das vorher gedacht habe. Nicht schlechter, nicht besser, einfach anders. Genauso, wie die Welt, in der ich jetzt lebe, absolut anders ist, als die vorher gekannte. Dies ist mein erster offizieller Rundbrief aus Argentinien. Die ersten drei Monate meines Freiwilligen Friedensdienstes sind also schon um.
Seit meinem Einzug in Quilmes – einem Stadtteil von Gran Buenos Aires – arbeite ich in der Villa Itatí, einem Armutsviertel. (Gesprochen: Wischa Itatí)
Als Freiwilliger versendet von der Evangelischen Kirche von Westfalen bin ich hier in Buenos Aires dem MEDH (Movimiento Ecumenico por los Derechos Humanos – Ökomenische Menschenrechtsbewegung) zugeteilt und arbeite in einem Projekt, das von dieser Bewegung begleitet wird.
Niemand weiß genau, wie viele Menschen in der Villa Itatí leben, aber man schätzt 15.000. Obwohl ich auch schon weit höhere Zahlen gehört habe.
Es gibt ein Netzwerk von sozialen Einrichtungen innerhalb der Villa, in denen wir Freiwilligen uns einbringen und engagieren. Jugendzentren, Nachhilfeorte, offene Angebote für die Kinder und Jugendlichen und Themenabende zum Beispiel über Drogen und Süchte.
Meine Hauptaufgabe ist die eines „Educador“ beziehungsweiße „Profesor“. Also Erzieher und Lehrer in einem der Nachhilfeorte. Jeden Morgen arbeite ich mit einer Gruppe von 25 Kindern zwischen 6 und 15 Jahren an ihren Hausaufgaben und Schularbeiten. Wir Frühstücken zusammen und verbringen den Rest der Zeit mit Spielen und Toben. Nachmittags gehen diese Kinder in die Schule und ich nach Hause. Ein paar Mal die Woche fahre ich dann abends wieder mit dem Bus in die Villa und verbringe den Abend in einem der Jugendzentren, um mit den Jungs zu spielen oder einfach nur zu reden. Ganz wichtig ist auch hier das gemeinsame Abendessen, da viele Jungs auch in das Zentrum kommen um eine tägliche warme Mahlzeit zu bekommen.
Die Kinder in meiner Gruppe sind wunderbar. Obwohl sie in kaum auszuhaltenden Umständen leben, sind sie unglaublich lebensfroh und ausgelassen. In den ersten Tagen war ich geschockt und ratlos, wie ich mit so einer Rasselbande klar kommen soll und hätte mir nie gedacht, dass diese Rüpel (die sie manchmal sind) mal auf mich hören würden. Jetzt freue ich mich jeden Tag auf die Kleinen, die mir schon vor der Tür um den Hals fallen und sofort planen, was wir gleich spielen werden.
„Aber erst mal wird ein bisschen gearbeitet!“ Ich setze mich dann mit einer Gruppe von vielleicht 3-6 Kindern an einen Tisch, gebe ihnen Aufgaben und helfe ihnen bei Schularbeiten. Durch diese Arbeit habe ich große Hochachtung vor den Menschen bekommen, die ihr ganzes Leben mit Kindern arbeiten, vor allem bei „schwierigen“ Kindern. Das Verhältnis zu meinen Kolleginnen ist sehr gut, obwohl während dem Vormittag kaum Zeit ist, sich zu unterhalten.
Ein sehr angenehmer Punkt unserer Arbeit ist, dass wir ziemlich frei darin sind, wie wir uns neben unseren Aufgaben weiter einbringen wollen. Mein Mitfreiwilliger gibt zum Beispiel seit dieser Woche Unterrichtsstunden zum Thema Umwelt und Natur. Ich habe gemerkt, dass die Kinder in meiner Gruppe, so wie wahrscheinlich alle Kinder der Villa, ein wahnsinnig großes Bedürfnis haben, in Ruhe mit einer Vertrauensperson zu sprechen um Ängste und schlimme Erlebnisse abzubauen. Deshalb mache ich jetzt jeden Tag mit einem anderen Kind einen kleinen Spaziergang und versuche mit ihnen über ernstere Themen zu sprechen, als das in der Gegenwart ihrer Freunde möglich ist.

Wenn ich zur Arbeit durch die Villa laufe, dann fühle ich mich immer noch sehr unwohl. Einige Male, sind mir ein paar äußerst zwielichtige Gestalten gefolgt. Erfahrungen, die den Weg zu meinem Projekt jeden Tag spannend machen. Ich versuche mich nicht zu auffällig zu kleiden und immer eine im Viertel bekannte Begleitperson dabei zu haben. In den Projekten fühle ich mich im Gegenteil dazu sehr sicher. Die Menschen, mit denen ich arbeite machen diese Arbeit seit vielen Jahren und haben den Kindern des Viertels sichere Orte gegeben, die auch von allen Bewohnern der Villa respektiert werden.
Durch die Eindrücke, die ich in diesem Viertel, meiner Arbeit und durch die Menschen gewonnen habe, bin ich denke ich sehr viel bescheidener geworden.
Organisiert werden die Projekte innerhalb der Villa von einer internationalen Gruppe von Ordensschwestern und Brüdern der Salezianer und der Franziskaner. Die Weise, auf die diese Gruppe lebt nennt sich „Inserción“ und bedeutet so viel wie „Einfügung“. Vor ein paar Jahren haben diese Ordensverbände erkannt, dass sie aus ihren Klöstern und Landgütern den Menschen nicht helfen können. Daraufhin haben sie alle ihre Immobilien und Ländereien verkauft und sind in verschiedenen Teilen des Landes direkt in die Elendsviertel gezogen, um dort zu leben und voll und ganz für die Menschen in Not da zu sein. Dies zu erleben hat mich schwer beeindruckt. Das Haus dieser Lebensgemeinschaft steht mitten in der Villa und ist rund um die Uhr Anlaufstelle für jeden, der Hilfe, Rat oder Begleitung braucht. Was mich daran so fasziniert ist die Entscheidung, keinen Unterschied mehr zwischen Freizeit und Beruf zu machen. Die Entscheidung sein eigenes Leben ganz und gar für andere Menschen einzusetzen und dafür auch schwierige Lebensumstände in Kauf zu nehmen.
Eine dieser Schwestern ist aus Kolumbien zuerst nach Italien ausgewandert und danach nach Buenos Aires gekommen. Sie hat jetzt seit vier Jahren keinen Menschen ihrer Familie gesehen, weil sie seitdem keine Pause von ihrer Arbeit genommen hat. Diese Frauen kümmern sich rührend um uns Freiwillige und sind bei jedem Seelenschmerz oder Problem für uns da. Wenn wir mal bei ihnen im Haus zum Maté trinken vorbeischauen, haben sie immer Zeit um über die Sachen, die uns bewegen, zu sprechen. Sei es die Arbeit oder ein privates Thema.
Nach den ersten drei Monaten fühle ich mich in der Umgebung meiner Arbeit und meiner Projekte akzeptiert und wirklich gut aufgenommen.

Wir Freiwilligen wohnen außerhalb der Villa etwa 10 Busminuten in einem sehr ruhigen und angenehmen Viertel. Zu dritt bewohnen wir hier ein kleines Reihenhäuschen, dass wir uns langsam aber stetig gemütlich machen. Es ist für mich schwierig zu verstehen, wie so große Armut direkt neben großem Reichtum existieren kann. Überraschend war für mich aber auch, wir schnell man sich an solche Ungleichheiten gewöhnt. Wenn vor unserem Haus jetzt eine Pferdekutsche hält, die „Cartoneros“ von ihrem Wagen springen und unseren Hausmüll mitnehmen, auf der Suche nach brauchbaren Dingen, ist das für mich schon total normal geworden. Ebenso war ich anfangs stets geschockt, in welchen Massen die doch deutlich runtergekommenen Straßenhunde durch die Gegend streifen. Jetzt gehören sie für mich einfach zum Stadtbild dazu.

Wir bereiten uns langsam auf den Sommer vor und erleben schon die ersten Hitzetage mit Siesta und warmen Frühlingsabenden.
Ich hoffe, euch allen geht es gut und ich konnte euch einen aufschlussreichen Einblick in meine neuen Lebensumstände geben.

Liebe Grüße aus Quilmes – Buenos Aires

Johannes

Sonntag, 25. Oktober 2009










Das Sommerleben....
Bilder sagen mehr als Worte, deshalb berichte ich euch bildlich von diesem Sonntag.
Wir sind mit der Gastfamilie unserer Mitfreiwilligen auf eine ehemalige Estancia gefahren - heute ein sehr schöner Park - und haben den Tag mit Sonne, Mate, Essen und Volleyballspielen verbracht.
Die Reisepläne machen sich auch. Wir haben uns für die nächsten Wochenenden und Urlaubszeiten viele und auch lange Wege vorgenommen.
Bald ist mein erster Rundbrief fällig. Von meiner Arbeit werde ich darin mehr berichten.
Liebe Grüße

Montag, 19. Oktober 2009

Ich danke den argentinischen Behörden für dieses Wochenende








Laut den „weltwärts“-Regeln, ist es Pflicht für uns Freiwillige mit einem offiziellen Visum im Land zu sein. Da sich die argentinischen Behörden aber nicht einigen können, wer von ihnen uns diese Visa ausstellen muss, haben wir bis jetzt noch keins bekommen. Unser 90-Tage-Touristenvisum ist dieses Wochenende allerdings ausgelaufen. (Ja die ersten drei Monate sind schon um)
Damit waren wir „gezwungen“ eine kleine Reise in unser Nachbarland Uruguay zu unternehmen, um bei der Einreise eine neue Aufenthaltsgenehmigung bis Januar zu bekommen.
Wir haben uns dann nach Colonia aufgemacht. Die Stadt, die Buenos Aires am anderen Ufer des Rio de la Plata gegenüberliegt. Mit der Fähre ging es äußerst bequem über den „breitesten Fluss der Welt“. (siehe unten;) )
In Colonia del Sacramento angekommen begingen wir den ersten Touristenfehler: Wir fragten am Kai einen Taxifahrer, ob der Weg bis zu unserem Hostel weit sei. „Ja“ sagte dieser und fuhr uns dann 10 Cuadras (ca. 2 Minuten) für 15 Peso um die Ecke.

Es gibt einen Haufen an kleinen Geschichten und kurzen Momenten, die wir an diesem Wochenende erlebt haben, die hier jeden Rahmen sprengen würden und auch kaum in Worte zu fassen sind. Das beeindruckenste war eine Wahlveranstaltung einer Partei mitten in Colonia. (Am 25.10. wird der Präsident gewählt) Ein unbeschreiblicher Gaudi. Momente der Freude und der Ausgelassenheit, die es in Deutschland nur auf Fanmeilen gibt.
Die Altstadt Colonias ist einfach wunderschön. Oft kam es uns vor, als wären wir in Italien oder Frankreich unterwegs. Alte Leuchttürme, Kopfsteinpflaster, Künstlermärkte und Restaurants mit unbeschreiblichem Blick in den Sonnenuntergang. Als wir allerdings den Strand, die Palmenwälder, die Kolibris und Papageien sahen, wurde uns klar, wo wir hier eigentlich sind - wo wir zur Zeit leben.
Dieses Wochenende war mit Abstand das teuerste hier, aber auch das mit dem besten Essen (in Jazzkneipen und auf Strandterrassen) der meisten Sonne im Gesicht und dem gemütlichsten Bett. Meine Matratze hier findet es lustiger mich mit täglichen kleinen Verspannungen zu ärgern.

Apropo Sonne: so wie bei euch in Deutschland gerade der Winter einzieht, macht sich hier die Hitze breit. Gestern habe ich einen Mann auf der Straße angesprochen, der Wasser liefert. Jetzt haben wir einen super Wasserspender, wie man ihn aus Arztpraxen kennt. Ich glaube so eine 25-Liter-Box machen wir im Sommer am Tag leer.

Eine komische aber im Nachhinein sehr lustige Situation habe ich heute morgen erlebt. Ich wollte unseren Warmwasser-Boiler (oder wie man das schreibt) wieder ans Brennen kriegen. Ich hab also 5 Minuten mit dem Gashebel und den Streichölzern gespielt, bis ich es endlich hinbekommen habe ein lautes Zischen aus der Gasleitung zu hören. Ich dachte mir „Cool jetzt ist wenigstens Gas da“. Ich drücke also auf den Zündhebel und eine happige Gasexplosion kommt mir entgegen. Jetzt sind meine Wimpern ein wenig kürzer und meine rechte Gesichtshälfte brauchte ich nicht mehr rasieren. Klingt übertrieben gefährlich, war aber nicht so wild.

Angenehm war es heute morgen etwa 4 Stunden vor diesem Bums, zu erfahren, wie viel Vertrauen die Menschen einem hier entgegen bringen. Ich habe Brötchen zum Frühstück geholt und hatte nur einen 100-Peso-Schein dabei. Die Dame hinter der Theke konnte mir nicht wechseln. Ich habe dann gesagt: „Ich wohne hier um die Ecke, hab Hunger und muss gleich zur Arbeit, kann ich danach bezahlen?“ Sie gab mir die Brötchen und sagte „Bis später“. Obwohl dieses Land so arm ist und wir in Deutschland so viel Geld haben, vertraut man Unbekannten hier und sich untereinander mehr, als ich das aus Deutschland kenne.

Diese Woche läuft die Arbeit wieder wie immer und die Kinder sind wie gewohnt, lieb, schwierig, überraschend, laut, wuselig und beeindruckend.




Mittwoch, 30. September 2009

Hier habe ich noch ein paar Bilder:


Der Nachhilferaum, in dem wir mit den Kindern arbeiten.
Der Vater unserer Chefin hatte Geburtstag und wir durften ihre Hundearmee kennen lernen. Ihr Doberman - mit den Ausmaßen eines Kalbs sicherlich der größte Hund des ganzen Viertels - ist er auch der größte Schisser des Viertels und versteckt sich deshalb gerade in irgendeiner Ecke.

Mein Mitbewohner Christoph an seinem Geburtstag mit einem Haufen selbstgemachter leckerer Empanadas.:)
Und das bin ich, wie ich an meinem Blog grübel.



Alltag


Lange habe ich nichts geschrieben.
Die letzte Zeit, war alles andere als einfach. Zwei schwierige Wochen liegen hinter mir. Ich hatte sehr mit mir zu kämpfen und damit, mich jeden Tag neu zu motivieren. Der Gang ins Projekt ist mir sehr schwer gefallen. Ich habe stark an dem Sinn meiner Aufgabe für mich und für die Menschen hier gezweifelt. 8 Nächte habe ich auf dem Sofa verbacht. Unruhig - unausgeglichen - geschafft. Ich war selbst nach langer Vorbereitung nicht darauf vorbereitet, wie stark man Menschen, die einem sehr viel bedeuten, in bestimmten Situationen des Lebens vermissen kann. So sehr, dass es schmerzt.
Zudem hat sich langsam ein geregelter Alltag in Quilmes eingerichtet. Ich weiß, wann ich, wann meine Mitbewohner nach hause kommen und wann wer wieder geht. Ich kenne alle Namen der Jungen und Mädchen in meinem Projekt mit dazugehörigen Verhaltensschwierig- und Leichtigkeiten. Jeden Tag gehe ich den bekannten Weg und kann schon fast die Straßen, die mein Colectivo (Bus) nimmt auswendig.
Sich in einem neuen Alltag, so fremd von dem Bekannten einzuleben und sich einen Platz zu schaffen ist unglaublich schwierig. Der "Adrenalinschock" der Umstellung ist vergangen und hat für einen ordentlichen "Kulturschock" gesorgt. Ich habe mir dieses Jahr im Ausland sehr gewünscht und genauso ausgesucht. Was das bedeutet wurde mir erst hier klar. Jetzt musste ich mich neu damit anfreunden und wir zwei haben uns nach langer Zickerei wieder angenähert.

In solchen Tiefphasen ist es sehr angenehm Mitbewohner zu haben, die sich gut um einen kümmern. Da bekommt man mal einen heißen Maté gereicht oder man bekommt eine ablenkende Aufgabe um die Ohren gehauen. Die Frage "Na? - Wie gehts dir?" reicht jedoch meistens um ein paar Steine beiseite zu räumen.
Letzte Woche, habe ich mit einem Mädchen aus meinem Projekt in unserem Hinterhof gesessen und über das Leben geredet. Sie wirkte sehr traurig, ich fragte sie, woher sie ursprünglich komme und sie meinte aus dem Chaco (Eine Provinz im Norden).
Sie sagte dann: "Ich lebe jetzt seit einem Jahr hier und vermisse meine Schwester unheimlich. Die ist mit meinem Vater im Chaco geblieben. Aber du kennst das ja sicher. Das ist genauso, wie wenn du nach Argentinien kommst und die Menschen, die du liebst in Deutschland lässt. Das ist auch schwer für dich."
Das genau in dem Moment, in dem ich besonders niedergeschlagen war, von einem 7-jährigen Mädchen so treffend gesagt zu bekommen, hat mich sehr bewegt.
Wir haben lange dort gesessen und erzählt. Es war ein wunderbarer Tag mit Sonnenschein und der ersten Wärme des Frühlings. Für solche Momente ist im Alltag des Apoyo leider nicht viel Platz. In der Regel ist es sehr wild und man kann kaum alle Fragen und Hilferufe der Kleinen bedienen. Man merkt jedoch, dass viele der Kinder ein dringendes Bedürfniss haben, sich einmal mit einer Vertrauensperson in Ruhe zu unterhalten. Ich habe mir vorgenommen, öfter diese Möglichkeit zu nutzen.
Als Nachhilfelehrer mache ich langsam Fortschritte. Die Sprachbarriere hindert mich zwar noch daran, den älteren Schülern komplexe Sachverhalte zu erklären, aber ich komme langsam mit immer größeren Gruppen zurecht.

Heute hatten wir eine Art "Elternabend". Es sollte eigentlich ein Treffen zwischen den Profesores und den Eltern der Kinder werden, die in den Apoyo kommen. Von 24 Elternpaaren war eine Mutter gekommen! Sonst niemand. Die anderen hatten wichtigeres zu tun oder - wie ich gehört habe ist das fast immer der Fall - interessieren sich nicht für die Schulausbildung ihrer Kinder. Sie sehen den Nachhilfeort als eine bequeme Weise, die Kinder ein paar Stunden versorgt zu haben.

Alles in allem geht es mir aber wieder gut. Ich muss keine Angst haben, mit meinen Sorgen und Problemen zu meinen Mitarbeitern oder meinen Chefs zu gehen. Die nehmen uns alle sehr ernst und herzlich auf und kümmern sich gut.
Sie haben mir auch in den letzten Tagen das Gefühl gegeben, eine große Hilfe zu sein und den Sinn an der Arbeit hier wieder zu finden.

Freitag, 4. September 2009

"

Irgendwann verrinnt eine Träne, wie ein Stern leuchtet sie auf, ich will niemanden, der sie fortwischt, sondern möchte in der Sahara damit neue Pflanzen tränken.

Ich möchte erleben um jemand zu sein. Ich möchte lieben um jemand zu sein. Ich möchte reisen um jemand zu sein.

Solange ich das alles tue kann ich von mir sagen, dass ich lebe. Und es ist ein Leben voller Farben, Vielseitigkeit und Abwechselung. Deshalb segle ich fort, ohne Anker an Bord..."

Aus "Spiegel der Zeit" von Julius Camillo Fastabend, 2008, Freiwilliger in Chile




Die Freuden des Lebens kommen bei uns auch nicht zu kurz: Die Bilder zeigen meine Mitbewohner Christoph, Mateo und den Vater der Gastfamilie der benachbarten Volontäre beim Grillen auf Mateos Geburtstagsfeier. Da haben wir unsere Dachterrasse eingeweiht. Das Fleisch ist der Hammer. Nach argentinischer Grillart muss da nur noch Salz drauf und es schmeckt köstlich. Da muss nix an Ketchup oder Soße dran.